Sauerteig-Kult: Warum jede vierte Familie jetzt selbst backt
Vom Hobby zur Obsession — und vom Mehlsack zur Statusfrage.

Es begann mit einer Pandemie und einem Glas Wasser. Heute hat es Wohnzimmer, Beziehungen und ganze WhatsApp-Gruppen erobert: das Sauerteig-Brot. Eine aktuelle Erhebung des Instituts für Ernährungssoziologie Köln zeigt: 24,8 % der deutschen Haushalte backen mindestens einmal pro Woche selbst — Tendenz steigend.
Der eigene „Starter" hat einen Namen. Er bekommt einen Pflegeplan. Manche Eltern berichten, ihre Kinder seien eifersüchtig auf das Glas im Kühlschrank, das mehr Aufmerksamkeit bekomme als sie selbst. Mehl-Lieferdienste boomen, kleine Mühlen aus dem Schwarzwald liefern bis nach Hamburg — Lieferzeit teilweise sechs Wochen.
In Hamburg-Eppendorf gibt es seit März einen „Brot-Therapeuten". Karoline Frese, 44, ehemalige Lehrerin, berät Familien, deren Sauerteig „nicht in Form kommt". Pro Sitzung: 89 Euro. Wartezeit: drei Monate. „Ich höre vor allem zu", sagt sie. „Das Brot ist nur der Anlass. Die Leute reden eigentlich über sich selbst."
Auch die Industrie hat den Trend entdeckt. Ein bekannter deutscher Küchengerätehersteller hat einen „Sauerteig-Inkubator" für 449 Euro auf den Markt gebracht — und in den ersten zwei Wochen 11.000 Stück verkauft. Die Wartezeit für die nächste Lieferung beträgt aktuell vier Monate.
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